BERUFSVERBAND DEUTSCHER NERVENÄRZTE BVDN, Pressemitteilung v. 05.05.2010
Deutschland droht nervenärztliche Unterversorgung – Stärkere Vernetzung der beteiligten Sektoren geplant
Die Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland wird zu deutlich steigenden neurologischen und psychischen Erkrankungszahlen führen, weil die demografische Entwicklung einen Anstieg der Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen mit sich bringt. So werden alterskorrelierte Krankheiten wie Schlaganfälle, degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Demenzen sowie Altersdepressionen drastisch zunehmen. „Für das Jahr 2030 rechnet man mit einem Wachstum der über 65-Jährigen von heute 16,6 Millionen auf 21,8 Millionen. Es ist absehbar, dass parallel der Versorgungs- und Pflegebedarf entsprechend steigen wird“, erklärt Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN) in Krefeld.
Schwere Erkrankungen des Gehirns und der Psyche, wie Multiple Sklerose oder Psychosen machen in vielen Fällen eine stationäre Behandlung erforderlich. Aufgrund ihres chronischen Verlaufs erfordern sie darüber hinaus häufig nicht nur eine wochen-, sondern eine monate- und jahrelange weitere ambulante Therapie. „Diese langwierigen Erkrankungen sind nicht nur für Betroffene eine erhebliche Krankheitslast, sondern sie verursachen auch hohe Kosten und erfordern angemessene Strukturen der Versorgung, die nun dringend geschaffen werden müssen, um den wachsenden Bedarf aufzufangen“, so der BVDN-Vorsitzende. (…)
Der Stellenwert einer gut funktionierenden ambulanten Versorgung ist besonders hoch, denn es gilt grundsätzlich die Maxime ‚ambulant vor stationär’. „Sowohl bei neurologischen Krankheiten, z. B. nach einem Schlaganfall, wie auch bei psychiatrischen Krankheiten ist es für den weiteren Erkrankungsverlauf förderlich, wenn Betroffene so wenig wie möglich aus dem häuslichen Umfeld und bestehenden sozialen Strukturen herausgelöst werden“, erläutert Dr. Bergmann. Deshalb gibt es auch zunehmend wohnortnahe ambulante Rehabilitationsangebote. Da Krankenkassen aus Kostengründen auf eine möglichst kurze Verweildauer der Erkrankten in Kliniken drängen, müssen die Patienten ohne zeitlichen Verzug in eine gut organisierte ambulante Versorgungsstruktur entlassen werden können, die möglichst dauerhaft Rückfälle verhindert und die stationäre Wiederaufnahmerate senkt. „Hierfür ist eine enge Zusammenarbeit von Klinikern und niedergelassenen Ärzten erforderlich sowie eine enge Verzahnung von psychotherapeutischen, sozialtherapeutischen und pflegerischen Angeboten, die wohnortnah greifen. Sämtliche Versorgungsschritte und begleitenden Maßnahmen müssen sorgfältig aufeinander abgestimmt und koordiniert sein, um den Patienten individuell und effektiv helfen zu können“, führt der BVDN-Vorsitzende aus. „Diese Maßnahmen setzen einen regelmäßigen Austausch aller Beteiligten voraus, um sich fachlich und organisatorisch abzustimmen“. Die Vernetzung aller beteiligten ambulanten, mobilen, tagesklinischen und stationären Angebote zum Zwecke des Informationsaustauschs und einer optimalen Versorgung wird die wesentliche Aufgabe der nächsten Zeit sein, um die psychiatrische und neurologische Versorgung der kommenden Jahrzehnte zu gewährleisten.
Psychische und neurologische Erkrankungen nehmen an Bedeutung zu
Hochrechnungen der WHO zufolge werden in den industrialisierten Ländern im Jahr 2030 fünf der 10 Erkrankungen, die mit den stärksten Beeinträchtigungen für die Betroffenen verbunden sind, aus dem neurologischen und psychiatrischen Bereich sein. Dazu gehören Depressionen und Demenz-Erkrankungen, aber auch Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie und bipolare Störungen. Psychische Erkrankungen stellen bereits jetzt die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung dar. „In den letzten 15 Jahren ist die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Störungen und Erkrankungen um 80 Prozent gestiegen. Bei Frauen stellen psychische Erkrankungen die Hauptursache für Frühberentung wegen Erwerbsunfähigkeit dar“, führt der niedergelassene Nervenarzt aus Aachen aus.
Weltweit steht das Krankheitsbild Schlaganfall an zweiter Stelle der Todesursachen und ist die dritthäufigste Ursache für Behinderungen und vorzeitige Invalidität in Europa.
Die Nachfrage an psychiatrischen und neurologischen Versorgungsangeboten steigt sowohl im stationären als auch im ambulanten Sektor. „Aktuell wachsen zwar auch die Ärztezahlen aus den Fachbereichen Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie, aber nicht in dem Umfang der erforderlich wäre, um eine kontinuierlich hochwertige Versorgung zu gewährleisten“, so Dr. Bergmann. „Daher ist es wichtig, gerade diese Facharztbereiche attraktiver zu gestalten, damit ausreichend viele Nachwuchsmediziner den steigenden Versorgungsbedarf decken. Dies kann zum einen über verbesserte ökonomische Rahmenbedingungen erfolgen. Zum anderen aber auch durch gute Arbeitsbedingungen, wie die Einhaltung von Arbeitszeiten, dem Abbau von bürokratischem Aufwand abseits der Patientenversorgung und qualitativ hochwertigen Weiterbildungsangebote.“